Junge Italiener

Ennio Borgia

Ennio Borgia kommt am 10. Juni 1927 in Rom zur Welt und verlässt als Jugendlicher gemeinsam mit seinem Bruder seine Familie. Als sein älterer Bruder zum Militär einberufen wird, macht Ennio sich von Rom aus auf den Weg Richtung Norditalien, um ihn zu suchen. Dabei gerät er in ein Feuergefecht zwischen deutschen Soldaten und Partisanen, die den Jungen aufnehmen und als Kurier einsetzen. Im April 1944 wird er in Sagredo von den Deutschen verhaftet und im Alter von 16 Jahren in das Lager Risiera da San Sabba in Triest gebracht. Zwei Monate später, am 2. Juni 1944, folgt die Deportation ins KZ Dachau, wo Borgia als „politischer Häftling“ bis zu seiner Befreiung Ende April 1945 inhaftiert ist. 20 Tage nach seiner Befreiung macht er sich, abgemagert auf nur noch 35 Kilogramm, auf den Weg in ein neues Leben: Durch einen Zufall wird der damals 17-Jährige von einer Dachauer Familie aufgenommen. Dass die Mutter dieser Familie als Telefonistin im Konzentrationslager gearbeitet hatte, weiß er nicht.

Quelle: Abendzeitung, 10.12.2014

Als 16-Jähriger wird Ennio Borgia in das KZ Dachau verschleppt - jetzt trifft er die Dachauer Familie, die ihn nach der Befreiung aufgenommen hat

Dachau - Das Wasser des Dachauer Mühlbachs ist eine zu große Verlockung für den 17-Jährigen, der sich zwanzig Tage nach der Befreiung des Konzentrationslagers am 29. April 1945 endlich auf den Weg in ein neues Leben machen kann. Ennio Borgia, der junge Italiener, ist halb verhungert, wiegt gerade noch 35 Kilogramm, und er möchte sich den Schmutz abwaschen von den mehr als zwölf Monaten, die er als Gefangener der SS in Lagern verbringen musste. Er steigt in den Bach, schwimmt darin und entdeckt ein hölzernes Badehäuschen, dort wo die Martin-Huber-Treppe zum Altstadtberg hinaufführt. Neugierig taucht er in die Hütte hinein und findet sich mitten in einem Garten zwischen spielenden Kindern wieder.

So verläuft die erste Begegnung zwischen ihm und der Dachauer Familie Schmitt. Der junge Ennio in nassen Unterhosen, denn eine Badehose hatte der befreite Häftling natürlich nicht, muss die Mutter Maria Schmitt gerührt haben. Sie nahm ihn jedenfalls gleich mit in die Wohnung der Familie in der Mittermayerstraße 19, in der er die nächsten Monate verbringen sollte. In dem später abgerissenen Haus, an dessen Stelle gerade ein Neubau errichtet wird, traf er auf weitere Landsleute, insgesamt vierzehn Italiener hatten die amerikanischen Besatzer in dem Anwesen einquartiert, dazu auch einige US-Soldaten. 'Sie haben mich wie ein eigenes Kind aufgenommen', erinnert sich der heute 85-jährige Ennio an die zwei Monate, die er nach seiner KZ-Haft in der Dachauer Familie verbrachte. Er bekommt endlich ordentlich zu essen und nimmt am Familienleben teil. Mit der jüngsten Tochter, der damals 10-jährigen Annemarie und der siebenjährigen Elfriede spielt er Fangen im Garten, Mutter und Großmutter sorgen dafür, dass der unterernährte Junge wieder zu Kräften kommt.

Die Frauen dürften gewusst haben, was der junge Italiener hinter sich hatte: Maria Schmitt hatte als Telefonistin im SS-Lager gearbeitet. Das hat Ennio Borgia allerdings erst viel später erfahren. 'Ich weiß es, aber es ändert nichts an meinen Gefühlen für diese Familie. Ich hasse die SS, aber nicht das deutsche Volk, denn ich hatte das Glück, unmittelbar nach meiner Befreiung auch die gute Seite der Menschen kennen zu lernen.' Tatsächlich fließen erst einmal Tränen, als Ennio die beiden ehemaligen Spielkameradinnen in einem Gasthaus in Bergkirchen wieder trifft. Gemeinsam schauen Annemarie, Elfriede und Ennio mitgebrachte Bilder ihrer Familien an, erzählen sich gegenseitig, was aus Eltern und Geschwistern geworden ist und erinnern sich an die glücklichen Augenblicke und gemeinsamen Erlebnisse, wie frech zum Beispiel die siebenjährige Elfriede den 10 Jahre älteren Ennio immer an den Haaren zog.

Aber bei den beiden Frauen kommen auch andere Erinnerungen aus den Tagen nach der Befreiung hoch, sie erzählen davon, wie die Toten des Konzentrationslagers mit Karren und Pferdegespannen zur Bestattung in Massengräbern auf den Leitenberg gebracht wurden. Wie die Mutter der einen in Ohnmacht fiel, als ihr klar wurde, wie viele Tote auf den Wagen transportiert wurden. Und Ennio berichtet, wie er als Sechzehnjähriger in Gefangenschaft geraten war. Nach dem frühen Tod seiner Mutter und der erneuten Heirat seines Vaters war er gemeinsam mit seinem älteren Bruder aus der Familie verstoßen worden. Als dann der Bruder zum Militär eingezogen wurde, merkte Ennio bald, dass er es auf Dauer nicht schaffen würde, sich alleine durchzuschlagen. Der Junge machte sich von Rom aus auf den Weg nach Norden, um seinen Bruder zu suchen. Unterwegs geriet er in ein Feuergefecht zwischen Soldaten und Partisanen, die den hilflosen Jungen bei sich aufnahmen und eine Zeitlang als Kurier einsetzten, bis er im April 1944 in Sagredo von den Deutschen verhaftet und in das italienische Lager Risiera di San Sabba in Triest gebracht wurde. Zwei Monate später, am 2. Juni, folgte die Deportation nach Dachau, wo Ennio Borgia elf Monate im Block 25 verbrachte.

Später, beim Abendessen mit Dachaus Oberbürgermeister Peter Bürgel, erzählt der rüstige und hellwache Mann von seiner Tätigkeit als Zeitzeuge. In den Schulen seiner Heimatregion, so auch in Dachaus Partnerstadt Fondi, spricht er vor Schülern, die heute gerade so alt sind wie er damals als Gefangener, über seine Erfahrungen im Lager. Und er sagt heute: 'Vielleicht war es gerade meine jugendliche Naivität, die mich gerettet hat.' Andere Häftlinge hatten Mitleid mit dem Jungen, steckten ihm gelegentlich ein Stück Brot zu, und er lernte in der Nachbarbaracke ein paar Brocken Polnisch. Es kam sogar vor, dass die SS den dunkelhäutigen Italiener, der tagsüber ihre Tritte und Schläge fürchten musste, zum Singen bei einem Saufabend kommandierte.

Ennio kennt die Lieder noch, die er damals singen sollte und stimmt eines leise an: 'Trink ma noch a Flascherl Wein ...'

Es sind vier anstrengende und aufwühlende Tage für Ennio Borgia, der gemeinsam mit Salvatore de Meo, dem Bürgermeister der Partnerstadt Fondi, in deren Provinz auch Ennio heute lebt, nach Dachau gekommen ist. Ein Fernsehteam der italienischen RAI begleitet die Rückkehr des ehemaligen Häftlings und seine Begegnungen in Dachau. Das Archiv der Gedenkstätte zeichnet ein langes Interview mit ihm auf. Abschließender Höhepunkt ist die Teilnahme an der Befreiungsfeier, bei der er gemeinsam mit Fondis Bürgermeister Salvatore de Meo einen Kranz niederlegt.

Schon wenige Stunden nach seiner Heimreise meldet sich Ennio Borgia telefonisch aus Italien, um sich für die freundliche Aufnahme durch die Stadt Dachau zu bedanken. Er sagt: 'Wenn ich es irgendwie schaffe, würde ich gerne zum 70. Jahrestag der Befreiung noch einmal nach Dachau kommen.'

Süddeutsche Zeitung Dachau, 4./5.05.2012


Mirco Camia

"Warum, warum ist es geschehen?"

Diese Frage stellt sich Mirco Camia in Dorothea Heisers Buch "Mein Schatten in Dachau" (erhältlich in der Gedenkstätte) immer wieder. Im Alter von zwanzig Jahren wurde er im April 1945 im KZ Dachau befreit.

"Mirco Camia hat sich selbst niemals in den Vordergrund gedrängt. Er war ein ungemein bescheidener, zurückhaltender Mensch, immer voller Sorge zu stören oder zur Last zu fallen. Und doch war er geprägt von seinem Schicksal Überlebender der KZ-Hölle und damit Zeuge zu sein, dem eine Aufgabe zukam", beschreibt die Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, Barbara Distel, den Italiener. Seiner Aufgabe als Zeuge kam er bis zu seinem Tod 1997 nach. Er arbeitete an einer Gesamtstatistik der italienischen Häftlinge des KZ Dachau. Eine schwierige Aufgabe, waren doch viele der Italiener als "Jugoslawen" und umgekehrt registriert

Mirco Camia selbst war Student in Mailand, als er als Mitglied einer Widerstandsgruppe verhaftet wurde. Nach seiner Einlieferung in das Mailänder Gefängnis wurde er in ein Lager bei Bozen gebracht. Von dort aus wurde er in das KZ Flossenbürg deportiert. Am 10. Oktober wurde er in das KZ Dachau eingeliefert.

Neben ihm wurden im Lauf der Jahre fast 9500 Italiener in das KZ Dachau eingeliefert, zum großen Teil Partisanen, Gefangene aus Militärgefängnissen und Kriegsgefangene, die Widerstand geleistet hatten. Am 8. September 1943 hatte die Regierung Badoglio die bedingungslose Kapitulation Italiens erklärt. Die deutsche Wehrmacht entwaffnete den ehemaligen Bündnispartner, hunderttausende italienische Soldaten gerieten in Kriegsgefangenschaft. Ein Teil wurde auch in Konzentrationslager deportiert. Da sie als abtrünnige Verbündete galten, standen sie gemeinsam mit jüdischen und sowjetischen Häftlingen am Ende der Häftlingshierarchie. Viele dieser Häftlinge wurden außerdem mit dem schwarzen Winkel, die so genannte "asoziale" Häftlinge kennzeichneten, zusätzlich stigmatisiert. Die Mithäftlinge begegneten den Italienern vorerst mit Misstrauen. Als ehemalige Verbündete der Deutschen waren sie ihnen suspekt. Durch fehlende Sprachkenntnisse konnten sie sich anfangs schwer mit den anderen Häftlingen verständigen, auch die Befehle der SS-Wachmannschaften konnten sie nicht verstehen - was sie vermehrt Grausamkeiten aussetzte.

Da sie außerdem erst in den letzten Kriegsjahren in Dachau eintrafen, war vielen die Möglichkeit verwehrt, in Arbeitskommandos eingeteilt zu werden, in denen bessere Bedingungen herrschten, die das Überleben erleichterten. Statt dessen wurde eine große Anzahl Italiener in verschiedene Außenlager überstellt - nach Allach, München, Kaufering und Kottern. In letzteres wurde auch Mirco Camia überführt. Die vermehrte Verlegung in Außenlager war mit ein Grund für die hohe Sterblichkeit unter italienischen Häftlingen. Jeder vierte Italiener starb im KZ Dachau und vor allem in den Außenlagern, in denen gerade in den letzten Monaten schreckliche Lebensbedingungen herrschten.

Mirco Camia überlebte das KZ Dachau. Er wurde am 29. April 1945 im Hauptlager befreit und kehrte im Juni 1945 in seine Heimat zurück. 2.839 italienische Häftlinge erlebten die Befreiung im KZ Dachau, mehr als 1.600 waren gestorben.

Nach dem Krieg schrieb Camia Gedichte über seine Erlebnisse im KZ, veröffentlicht in "Mein Schatten in Dachau" von Dorothea Heiser. Am 19. Januar 1997 starb er im Alter von 71 Jahren. Barbara Distel sagte über sein Engagement: "Mirco hat uns seine Hoffnung auf die heilende Kraft der Erinnerung hinterlassen und es liegt nun an uns, sein Anliegen, dem Vergessen entgegenzuwirken und für ihn weiter zu tragen."

http://www.foerderverein-dachau.de/proj_dachauer.php?m=03


Giuseppe Covacich

Giuseppe Covacich wurde als 19-Jähriger gemeinsam mit seinem Vater, seiner Mutter und seiner Schwester am 1. März 1944 in seiner Heimatstadt Triest von der faschistischen politischen Polizei Italiens verhaftet, weil die Familie slowenischer Herkunft ist. Nach brutalen Verhören wurde er zusammen mit seinem Vater über das Konzentrationslager Dachau nach Leonberg deportiert. Seine Mutter und seine Schwester verschleppte die SS nach Auschwitz. In Leonberg, einem Außenlager des KZ Natzweiler-Struthof, mussten ab Frühjahr 1944 einige Hundert Menschen Zwangsarbeit leisten. Bis Januar 1945 stieg ihre Zahl auf mehr als 3.200 Gefangene. Der weitaus größte Teil der aus 24 Ländern Deportierten wurde für den Bau von Tragflächen des Düsenflugzeugs Messerschmitt Me 262 in 12-Stunden-Schichten eingesetzt. Ende März 1945 wurde Giuseppe Covacich über das Dachauer Außenlager Kaufering offensichtlich nach Ganacker verlegt. Dieses sehr spät errichtete Außenlager des KZ Flossenbürg bei Landau an der Isar bestand nur kurz. Gekennzeichnet war es durch Desorganisation, völlige Mangelversorgung und eine entsprechend hohe Sterberate. Unter katastrophalen Arbeitsbedingungen mussten die Häftlinge aus 17 Nationen die Start- und Landebahnen des Fliegerhorst Ganacker ausbauen bzw. neu anlegen. Am 24. April 1945 evakuierte die SS das Außenlager. Nach einem Fluchtversuch während des Evakuierungsmarsches wurde Giuseppe Covacich am 3. Mai 1945 in das KZ Ebensee in Österreich deportiert. Seine Erinnerungen an die Spätphase dieses Außenlagers von Mauthausen decken sich mit denen anderer Überlebender: Ursprünglich hatte die SS das für 6.000 bis 7.000 Häftlinge geplante Lager für die Produktion der Raketenwaffen V1 und V2 vorgesehen. Ab Januar 1945 durch immer neue Transporte vollkommen überfüllt, geriet Ebensee aber immer mehr zum Sterbelager, wo die SS arbeitsunfähige Häftlinge durch Hunger und systematische Vernachlässigung ermordete. Allein im April 1945 starben 4.500 Häftlinge. Sofort nach der Befreiung durch die Amerikaner schlug sich Giuseppe Covacich gemeinsam mit seinem Vater nach Triest durch. Seine Mutter und seine Schwester überlebten Auschwitz.

Video: http://www.liberation-dachau.de/#covacich

Venanzio Gibillini

Gibillini Venanzioein Schlosser aus Mailand, war 19 Jahre alt, als er ins Konzentrationslager Flossenbürg deportiert wurde.

"Es ist der 5. September 1944, Bozen, ein überfüllter Güterzug: "Wir kamen über den Brenner, über Innsbruck und München nach Nürnberg. Dann bogen wir nach Osten ab. Wir wussten nicht, wo sie uns jetzt hinbringen würden. Am frühen Morgen des dritten Tages hielt der Zug an. Es war der 7. September 1944. Diesen Morgen vergesse ich nie. Noch bevor der Zug endgültig zum Stehen kam, hörte ich schon Schreie auf Deutsch und bellende Hunde.

Ich hatte Angst und war ahnungslos. Als sich die Türen öffneten, sah ich SS brüllen und wild gestikulieren. Wir sollten so schnell wie möglich raus. Was jetzt begann, war die Zerstörung des Individuums. Die Nazis und Kapo-Helfer brüllten herum und drängelten uns zu Fünferreihen zusammen. Wie die Roboter gingen wir so ins Dorf hinauf. Das Lager befand sich ganz oben auf einem Hügel. Den Einheimischen schien unser Anblick völlig gleichgültig.

Wir hatten das Lager noch nicht erreicht, als uns zum ersten Mal das Entsetzen erfasste. Wir sahen seltsam ausgemergelte Gestalten, die schweigend vorwärts gingen, alle in blauweiß gestreifter Sträflingskleidung. Auch denen schienen wir gleichgültig. Es schauderte mich. Ich versuchte den Gedanken zu verdrängen, dass ich so elend enden könnte. Was folgten sollte, war die reine Hölle, in der alle Werte der Zivilisation auf den Kopf gestellt werden sollten."

So beschreibt Venanzio Gibillini die Ankunft im Konzentrationslager Flossenbürg. Er ist ein 19-jähriger Schlosser aus Norditalien. Im Herbst 1943 ist er aus der Kaserne getürmt. Er heuert in den Eisenbahnwerkstätten bei Mailand an. Sie sind unverzichtbar für die deutschen Besatzer, aber zugleich Brutstätte der "Resistenza" gegen die Faschisten. Nach einem Sabotageakt in einem Lokomotivendepot, an dem er gar nicht beteiligt war, kommt Gibillini in Haft und wird an die Deutschen übergeben. Anfang September 1944 bringt ein Güterzug 500 Italiener aus dem Durchgangslager Bozen in das Konzentrationslager Flossenbürg.

"Am Abend standen wir immer noch aufgereiht vor dem Block, als wir endlich in einer Gruppe von 20 oder 30 Mann zur Latrine gehen durften. Die ersten, die zurückkamen, waren durcheinander. Die Toiletten waren eine kaum zu beschreibende Schande. Dieses Ungeheuerliche hat sich mir auf ewig ins Gedächtnis eingebrannt. (...)

Sobald das Krematorium nicht mehr in der Lage war, seine undankbare Aufgabe zu erledigen, die toten Körper der Häftlinge zu entsorgen, wurden sie einfach unter den Waschbecken gestapelt. An diesen Ort mussten wir jeden Morgen, um uns zu waschen und unsere Notdurft zu verrichten. Auch außerhalb der Latrine gab es eine Ecke, wo sie die elenden Toten zu einem Haufen schlichteten. Dort schrieben sie den Leichen die Häftlingsnummern auf die Brust, und irgendwelche Handlanger suchten ihnen die Münder nach Goldzähnen ab. Wenn sie welche entdeckten, holten sie die Zähne mit Zangen raus. Sobald dieser letzte Raubzug erledigt war, kamen die Kadaver wieder auf einen Haufen. Jetzt waren sie reif fürs Krematorium."

Venanzio Gibillini hat überlebt, zu verdanken dem Umstand, dass er als Schlosser im Oktober 1944 nach Kottern (Kempten) verlegt wurde. In dem Außenlager des KZ Dachau wurden Flugzeugteile für Messerschmitt bearbeitet. Ein Knochenjob, zwölf Stunden täglich, von Hunger und Kälte geprägt, aber wenigstens nicht immer im Freien. Gibillini beschreibt, wie die Häftlinge mit blanken Händen aneinander gefrorene Aluminiumplatten voneinander lösten. "Eine scheußliche Arbeit." Am Ende bedeutet sie sein Überleben - Flossenbürg wäre der sichere Tod gewesen.

Im Mai 1945 wird das Lager Kottern evakuiert. Gibillini schleppt sich auf einem Todesmarsch durch Südbayern. Als die SS-Wachmänner bei Pfronten vor den Amerikanern fliehen, ist er frei. Seine Gedanken drehen sich nur um Essen. Egal was. "Wir gingen immer noch aufgereiht, als sich unsere SS-Eskorte plötzlich aus dem Staub machte. Wir hätten nie gedacht, dass wir sie nie wieder sehen sollten. Auf einmal brach ein unbeschreibliches Chaos aus. Keiner wusste so recht, was los war. Zivilisten schrien herum und rannten nach allen Seiten. Kapos versuchten uns noch irgendwie als Kolonne zusammenzuhalten, und einige in ihren Häusern verbarrikadierte Bauern schossen mit Gewehren auf uns. Sie hatten Angst vor dieser Horde Zebras, die sich gerade als Herde auflöste und hungrig nach Nahrung und Schutz suchte."

Friedrich Peterhans, Redakteur im Medienhaus "Der neue Tag/Amberger Zeitung", hat Venanzio Gibillini vor etwa acht Jahren kennengelernt. Der Italienisch sprechende Romanist betreute für die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg die Gruppe der italienischen Häftlinge. Gibillini zeichnete sich durch seine unverbrüchliche Menschenliebe aus. "Ein angenehmer, liebenswürdiger Mann, beschreibt ihn Peterhans. Verbitterung? "Gar nicht. Er sagte mal: Mein größtes Problem war, dass mir nach dem Krieg erstmal keiner geglaubt hat."

Gibillini kam aus der "irdischen Filiale der Hölle", wie es Mithäftling Gaetana Cantalupi nannte. Im Mai 1945 kehrt er - inzwischen 21 Jahre - zurück nach Italien zur geliebten Mamma. Als der Laster des Befreiuungskomitees in Mailand hält, verabschieden sich er und seine Mithäftlinge mit dem Versprechen, sich bald zu treffen. Jahrzehnte passiert gar nichts. "Ich wollte diese fürchterliche Erfahrung vergessen. Ich dachte, dass mir das leichter gelänge, wenn ich die alten Gefährten nicht mehr sehen würde." Es funktionierte nicht. Mit 84 Jahren schreibt Gibillini seine Erinnerungen in Buchform nieder. Sie nehmen Bezug auf ein Tagebuch, das er in den 50er und 60er Jahren lose geführt hat.

Venanzio Gibillini schreibt direkt, klar, unverblümt. Es ist keine geschliffene Sprache, so Übersetzer Peterhans, es ist die Sprache eines Schlossers. Die Baracke der Italiener ist neben Block 22, dem "Todesblock" für ausgemergelte Häftlinge ohne Überlebenschance. "Weil sie so spindeldürr waren, schienen sie alle größer zu sein Sie gingen schweigend vor uns her, in Fünfergruppen, manche barfuß, darüber nur ein leichtes Hemd. Ihre Augen blickten ins Leere, als ob es ihnen egal sei, was um sie herum geschieht. Es waren lebende Tote. Wenn sie geprügelt wurden, machten sie keine Anstalten mehr, die Schläge abzuwehren."

2011 erschienen Gibillinis Erinnerungen auf Italienisch. Der Weidener Friedrich Peterhans las den packenden Zeitzeugenbericht des Italieners und suchte nach Möglichkeiten einer Veröffentlichtung in Deutsch. "In seiner Beobachtungsgabe, seiner Konsequenz, mit oder trotz der KZ-Erfahrung die eigene Zukunft zu gestalten, steht er bekannten Autoren von NS-Erinnerungsliteratur in nichts nach." In Daniela Di Benedetto und Grazia Prontera fand Peterhans Mitstreiterinnen. Am Samstag, 13. April 2019, stellen die drei Herausgeber das Buch gemeinsam mit Gibillinis Sohn beim Gedenkwochenende zur Befreiung des Lagers in Flossenbürg vor.

Gibillini arbeitete nach seiner Rückkehr als technischer Facharbeiter, er heiratete und wurde Vater. Regelmäßig nahm er an den Treffen der Überlebenden des KZ Flossenbürg teil und sprach in seinem Ruhestand vor Tausenden Schülern und Studenten, ohne Groll, getrieben nur von einem Gedanken: Die Erinnerung darf nicht erlöschen. "Sein Vermächtnis ist nicht der Hass, sondern die lebensfrohe Begegnung zwischen Menschen aller Nationen, aller Überzeugungen und aller Religionen", schreibt Jörg Skriebeleit, Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg in seinem Vorwort.

Venanzio Gibillini wird dieses Buch nie in Händen halten. Er starb am 16. Januar dieses Jahres mit 94 Jahren. Sein Sohn berichtet, dass er am Ende an den Folgen eines Aneurysmas litt. Um sein Erinnerungsvermögen zu prüfen, stellten die Kinder ihm die Frage nach seiner Häftlingsnummer, so wie sie beim Appell aufgerufen wurde. Und wehe, man brachte etwas durcheinander. Darauf standen in Flossenbürg 25 Peitschenhiebe auf den Rücken. Venanzio Gibillini kann kein Deutsch. Aber diese Nummer vergaß er bis zum Ende nicht. "Einundzwanzigtausendsechshundertsechsundzwanzig." 21626.

Warum gefangen?: Erinnerungen an die Deportation 1944–1945, Hrsg. v. Daniela Di Benedotto, Friedrich Peterhans u.a., utzverlag 2019

Quelle: Onetz, 05.04.2019

 

Quelle: KZ-Gedenkstätte Dachau


Den Willen nicht brechen lassen

Italienische Zeitzeugen schildern Erlebnisse im Konzentrationslager

VON FLORIAN GÖTTLER

Dachau - In einem Gespräch mit Zeitzeugen konnten sich im Jugendgästehaus knapp 40 Interessierte über die schlimmen Erlebnisse italienischer Häftlinge im Konzentrationslager Dachau informieren. Riccardo Goruppi, Mario Candotto und Mario Sverko schilderten den überwiegend jungen Zuhörern eindringlich die Grausamkeiten im Lager. Lubomir Susic, der nicht in Dachau inhaftiert war, berichtete von seinen Erlebnissen im KZ Buchenwald.

Knapp 10 000 Italiener waren in den letzten Kriegsjahren ins Konzentrationslager Dachau gebracht worden. Etwa die Hälfte wurde nach kurzer Zeit in andere Lager verlegt. Von den Verbliebenen starben 1615 Gefangene, also jeder Vierte. Denn die Italiener, viele von ihnen Partisanen, die gegen Mussolini und die deutsche Besatzung gekämpft hatten, wurden in Dachau besonders brutal behandelt, wie die Überlebenden erklärten. Die Baracken waren vollkommen überfüllt, so dass die Häftlinge im Stehen oder draußen essen mussten. Wer gegen die Aufseher aufbegehrte, nicht ausreichend arbeitete oder einfach seine Nummer nicht trug, der wurde auf grausame Weise misshandelt. Ihren Willen ließen sich die italienischen Gefangenen durch die brutale Behandlung aber nicht brechen. So schrieb der KZ-Häftling Karel Kasak: "Die Italiener sind im Lager das aufrührerischste Element geworden, das in Dachau jemals vorkam. Revolten und verbale Proteste sind bei ihnen an der Tagesordnung. Sie lassen sich einfach nichts gefallen."

Auch Mario Candotto gehörte damals zu den "widerspenstigen" Italienern. Zusammen mit seinem Vater wurde der 1926 geborene Mann aus Udine ins KZ Dachau deportiert. Der Partisan überlebte jedoch alle Grausamkeiten und kehrte im Sommer 1945 nach Italien zurück. Dort erfuhr er, dass seine Eltern die NS-Zeit nicht überlebt hatten. mm

Quelle: Merkur Online, 13.03.2006


16.7.44
Ich sah auch einen kleinen fünfzehnjährigen Burschen, einen blonden Italiener, Triester. - Er kam als Neuzugang ins Lager, - in voller Uniform - ein Partisan.

Kupfer-Koberwitz, Dachauer Tagebücher, München 1997, S. 326


Franz Thaler

Geboren 1925, gestorben 2015 im Sarntal. Einer kinderreichen Kleinhäusler-Familie entstammend, besuchte Franz Thaler die damals faschistische italienische Schule. Bei der Option 1939, nach seinem letzten Schuljahr, entschloss sich sein Vater fürs Dableiben; Franz und seine fünf minderjährigen Geschwister waren in den Augen der meisten Nachbarn plötzlich "Walsche". Als Thaler 1944, obwohl Dableiber, also italienischer Staatsbürger, den Befehl zum Einrücken in die Deutsche Wehrmacht erhielt, flüchtete er in die Berge. Erst als man seinen Vater bedrohte, stellte er sich. Sein Leidensweg führt ihn durch mehrere Gefängnisse ins Konzentrationslager Dachau und zeitweise ins Außenlager Hersbruck. Im August 1945 kam er, zwanzigjährig, seelisch und körperlich gebrochen, nach Hause.
Sein Buch, bereits mehrmals neu aufgelegt, ist ein Klassiker der neuen Südtiroler Geschichtsschreibung. Bei Edition Raetia: „Unvergessen. Option, KZ, Kriegsgefangenschaft, Heimkehr. Ein Sarner erzählt“ (1999; Erstausgabe als Sondernummer der Zeitschrift Sturzflüge November 1988).

Video: Franz Thaler bleibt unvergessen

Dr. Friedrich (Friedl) Volgger

Als Gegner der Option und führender Dableiber wurde er im Sommer 1943 in Haft genommen. Über das Arbeitserziehungslager Reichenau gelangte er am 25. März 1944 ins Konzentrationslager Dachau, wo er mit den geheimen Widerstandsaktivitäten der Häftlinge in Berührung kam. Als Schreiber im Büro des Arbeitseinsatzes war er selbst an Rettungsmaßnahmen beteiligt, die Mitgefangene vor Transporten in den Tod bewahrten. Volgger erlebte und überlebte die letzten Tage des KZ Dachau, als das Lager im Chaos versank und Tausende am Fleckfieber zugrunde gingen.
Kurz vor Kriegsende wurden über 130 prominente Häftlinge, unter ihnen Martin Niemöller, Angehörige der Familien Goerdeler und Stauffenberg, Philipp Prinz von Hessen, Hjalmar Schacht, Fritz Thyssen, ausländische Staatsoberhäupter und Offiziere, von der SS als Geiseln in die "Alpenfestung" transportiert, wo sie in den Dolomiten um Haaresbreite dem Tod entgingen.

www.mythoselser.de/texts/best-naaff04.htm

Video: Friedl Volgger